Casa Alianza

Casa Alianza Kinderhilfe Guatemala e.V. (Sitz Bad Honnef), gegründet 1991, ist eine unabhängige und gemeinnützige Kinderhilfsorganisation, die sich für den Schutz und die Wiedereingliederung von Straßenkindern in Guatemala engagiert. Darüber hinaus versteht sich der Verein als Lobby für Kinderrechte in Deutschland ebenso wie in Mittelamerika.

In Guatemala leben nach offiziellen Angaben rund 6000 Kinder ausschließlich auf der Straße. Hinzu kommen Tausende, die dort mit verschiedenen Gelegenheitsjobs tagsüber ihr Geld verdienen, nachts aber in ihre Favelas (Elendsviertel) am Rande der Städte zurückkehren. Hauptgründe für das Verlassen der Familien sind Armut, innerfamiliäre Gewalt und kriegerische Auseinandersetzungen, aber auch sexuelle Übergriffe durch Verwandte oder Nachbarn, Misshandlung und Isolierung, Verstoßung von der Familie und frühe Schwangerschaften oft als Folge sexuellen Missbrauchs. Drogenkonsum und Missbrauch sowie Ausbeutung durch Drogenbanden sind weitere Ursachen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist unter 18 Jahre. Von allen guatemaltekischen Kindern leben bis zu 80% am Existenzminimum, sie müssen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, wenn sie nicht verhungern wollen.

Das Leben auf der Straße wird schnell vom Drogenkonsum beeinflusst. Kinder schnüffeln Klebstoff, um den Hunger nicht zu spüren und um die Kälte zu ertragen. Auf der Straße leiden die Kinder oft unter Mangelerscheinungen. Um zu überleben, sind sie gezwungen, sich zu prostituieren oder zu stehlen.
Neben der Sorge, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern und der täglichen Gewalt auf der Straße zu entgehen, leben Straßenkinder in ständiger Angst, der von privaten Sicherheitsdiensten durchgeführten „Straßen-Säuberung“ zum Opfer zu fallen. Ihnen gibt man die Schuld an der Unsicherheit in den Städten und an der steigenden Kriminalität. Da Gewalt gegen Straßenkinder und ihre Ermordung selten rechtlich verfolgt werden, sind Straßenkinder trotz ihrer verbrieften Rechte schutzlos. Die Haupttodesursache auf der Straße ist, erschossen oder erstochen zu werden.

Sexueller Missbrauch ist an der Tagesordnung.90 % der Fälle ereignen sich in der eigenen Familie. Die Folgen von sexuellem Missbrauch sind schwerwiegend: In den ersten beiden Monaten 2019 beispielsweise wurden 357 Schwangerschaften bei Mädchen unter 14 Jahren registriert – Folge von Vergewaltigungen. Täglich werden zwei Mädchen zwischen 10 und 13 Jahren Mütter.

Hier setzt die Arbeit des von der aktion weltkinderhilfe unterstützten Refugio de la Ninez an, ein Projekt der Casa Alianza Kinderhilfe e.V., das 2009 als Wohnprojekt für Mädchen mit Babys (Kindermütter) eröffnet wurde. El Refugio de la Ninez unterstützt Opfer von sexueller Gewalt, Ausbeutung und Menschenhandel, insbesondere Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren. Die Mädchen erhalten eine umfassende und professionelle Begleitung in den zwei Häusern, die Refugio mittlerweile betreibt. Es wird außerdem Kontakt zu den Familien gesucht und rechtliche sowie psychologische Unterstützung angeboten. Im Kampf gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung Minderjähriger hat es inzwischen sogar rechtskräftige Urteile gegen Täter gegeben.

Ziel des Projektes ist die Wiedereingliederung in die Gesellschaft, das selbständige Leben. Dazu gehört auch, einen Beruf zu erlernen in eigenen Schulprojekten und Lehrwerkstätten. Zudem sind die Kinder und Jugendlichen in den Alltag im Schutzhaus eingebunden. Sie erwerben dort aber auch Selbstfürsorge wie persönliche Sauberkeit und Hygiene. Ebenso bringen die Mitarbeiter im Refugio ihnen bei, Disziplin und Ordnung zu halten, Vertrauen aufzubauen und natürlich auch Verantwortung zu übernehmen. Das ist ein oft mühsamer Weg. Denn diese Kinder und Jugendlichen haben aufgrund ihrer sozialen Herkunft keine Kenntnis von diesen grundlegenden Dingen für ein Leben in Würde und Respekt in einer Gemeinschaft.

Da alle zudem traumatisiert sind, müssen diese Traumata in regelmäßigen Therapiesitzungen aufgearbeitet werden. Das ist ein oft schmerzlicher, aber unerlässlicher Prozess, den die Kinder und Jugendlichen mit Hilfe von den für La Alianza tätigen Psychologen, Sozialarbeitern und Erziehern in Einzel-und Gruppentherapie vor ihrer Rückkehr in die Gesellschaft durchlaufen müssen. Ziel aller Maßnahmen ist die Vermittlung und Einübung von Wissen, Strukturen und Werten, die ihnen ermöglichen, ihr Leben auf eigenen Füßen zu stellen. Das schaffen viele dieser jungen Frauen. Mutig stellen sie sich ihrem eigenständigen Leben mit ihren Kindern. Ihnen gelingt es, sich mit all ihrer neu gewonnenen Kraft im Bewusstsein ihrer Rechte und neuem Selbstwertgefühl um lebenswichtige Themen zu kümmern, wie z. B. kontinuierliche Arbeit, Wohnung, Essen, Kleidung oder Gesundheit. Ohne die Hilfe vom Refugio de la Ninez wäre das nicht möglich. Häufig kehren sie auch in ihre Familien zurück. Ohne Familientherapie mit nachhaltiger Betreuung und Supervision wäre das nicht möglich. Eigens dafür unterhält „Refugio“ in sechs der 22 Departamentos Außenstellen mit insgesamt 60 Mitarbeitern.

Gemeinsam mit anderen Nichtregierungs-Organisationen arbeitet das Projekt aber auch an der Beeinflussung der Gesetzgebung und Verbesserung der Gesetzesanwendung. Ergebnisse dieser Netzwerkarbeit sind z.B. der Beschluss des Gesetzes „Contra la Violencia Sexual, Explotacion y Trata de Personas“ (SVET) (= Gegen sexuelle Gewalt, Ausbeutung und Menschenhandel) sowie der Beschluss des Gesetzes PINA (Proteccion Integral para Ninos y Adolescentes) (=Umfassender Schutz von Kindern und Jugendlichen). Die Erfolge vor Gericht sind dabei allerdings unterschiedlich, denn Straflosigkeit ist in Guatemala ein sehr großes Problem.

 

Zwei Beispiele, die Namen wurden geändert:

Teresa (15)

Teresa ist nie zur Schule gegangen. Sie musste für den Vater und den älteren Bruder den Haushalt machen – die Mutter war bettlägerig. Eines Tages kam es zu einem ersten Übergriff durch ihren Bruder (damals 14). Ihre Mutter konnte ihr nicht helfen, sie verstarb wenige Tage später.

Teresa war damals fünf Jahre alt, als ihr Bruder sie vergewaltigte. Immer, wenn der Vater auf dem Feld arbeitete, missbrauchte ihr Bruder sie, acht Jahre lang. Mit 13 Jahren wurde Teresa schwanger. Sie erhielt keine medizinische Hilfe. Ihr Baby wurde mit gesundheitlicher Beeinträchtigung geboren (Enzephalitis). Das Refugio de la Ninez hat Teresa und das Baby aufgenommen und die Krankheit behandelt. Im Programm wurde sie aufgefangen, sie lernt Lesen und Schreiben und macht eine Lehre. Für sie und ihr Baby wird eine Ersatzfamilie gesucht.

Leticia (13)

Leticia lebt in der Nähe von Coban, etwa 300 Kilometer von Guatemala City entfernt. Es gibt keine Verkehrsmittel, die nächste Bushaltestelle ist zwei Stunden Fußmarsch entfernt. Es gibt eine Möglichkeit, mit einem Boot zu fahren, aber der Preis von etwa 50 Dollar ist für fast alle Familien unerschwinglich, denn so gut wie alle Bewohner des Dorfes sind extrem arm. Sie haben keinen Zugang zu Trinkwasser und Strom. Eine Schule gibt es nur in einer Nachbargemeinde. Leticias Familie besteht aus ihrem Vater, der in der Landwirtschaft arbeitet, ihrer Mutter, die Hausfrau ist, und ihren fünf jüngeren Brüdern. Wegen der finanziellen Notlage verlässt Leticia mit zwölf Jahren die Schule und ihr Dorf und beschließt zu arbeiten, um die Familie mit zu ernähren, obwohl sie dafür nicht alt und stark genug ist. In einer Nachbargemeinde arbeitet sie bei einer Frau und hütet ihr vier Monate altes Baby. Dafür bekommt sie 50 Dollar im Monat. Auch übernimmt sie die Reinigungsarbeiten im Haus.

Einmal im Monat besucht sie ihre Familie. Der Weg dorthin dauert drei Stunden und geht durch eine einsame Gegend. Eines Tages sieht sie in einer verlassenen Hütte einen unbekannten Mann, der ihr im Vorbeigehen obszöne Worte zuruft. Sie ignoriert dies und geht weiter. Als sie am Nachmittag wieder zurückgeht, ist der Mann immer noch da. Er zerrt sie in ein Gebüsch und vergewaltigt sie. Sie wird schwanger. Eines Tages geht es ihr sehr schlecht, sie hat starke Schmerzen. Im Bezirkskrankenhaus, wo sie stationär bleiben muss, erleidet sie eine Fehlgeburt. Aufgrund ihres Alters und ihrer sozialen Lage versteht Leticia nicht, was ihr passiert ist. Die Ärzte sorgen dann dafür, dass sie wegen ihres prekären Zustandes ins Refugio de la Ninez kommt, wo sie endlich mit allem Nötigen versorgt wird und ihre traumatische Situation mit Hilfe von Psychologen bewältigen kann. Schließlich gelingt es, sie nach langen Monaten wieder in ihre Familie zurückzuführen.

Diese erschütternden Beispiele aus Guatemala zeigen, wie wichtig die weitere Unterstützung dieses Projekts der Casa Alianza Kinderhilfe e.V. durch die aktion weltkinderhilfe auch in den nächsten Jahren sein wird.

Aktuelles

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